Mythos oder Fakt: Schlaf-Wach-Rhythmus bei Blinden
Bei einem Teil vollständig blinder Menschen verschiebt sich der Schlaf-Wach-Rhythmus von Tag zu Tag, statt fest am 24-Stunden-Tag zu bleiben.
Die Behauptung trifft für einen Teil der in den Studien untersuchten vollständig blinden Menschen zu, aber nicht für alle. Die Forschung beschreibt vor allem bei vollständig blinden Personen Fälle, in denen die innere Uhr nicht an den Tag-Nacht-Wechsel angepasst ist. Dann läuft sie frei. Schlaf- und Wachzeiten verschieben sich von Tag zu Tag.
Was dahintersteckt
Deine innere Uhr steuert unter anderem, wann du müde wirst und wann Melatonin ausgeschüttet wird. Die Studie von 1992 beschreibt den Hell-Dunkel-Wechsel als wichtigen Umweltreiz für diese Abstimmung.
Wenn diese Abstimmung ausbleibt, kann der Rhythmus freilaufen. Das bedeutet: Er bleibt nicht fest am 24-Stunden-Tag. Schlaf- und Wachzeiten verschieben sich dann von Tag zu Tag.
Die Studie von 1992 deutet darauf hin, dass dafür ein intaktes visuelles System wichtig sein kann. Untersucht wurden vollständig blinde Menschen, die in normaler Umgebung lebten und Zugang zu vielen Zeitreizen hatten.
Was die Forschung zeigt
Studie von 1992: vollständig blinde Menschen im Alltag
In der Studie von 1992 wurden vollständig blinde Personen untersucht. Für Melatonin waren es 20 Personen, für Cortisol 4 und für Schlafneigung 1 Person.
Das Ergebnis: Die meisten vollständig blinden Teilnehmenden hatten Auffälligkeiten der zirkadianen Rhythmen (also der 24-Stunden-Rhythmen der inneren Uhr). Bei etwa der Hälfte liefen die Rhythmen frei.
Die Studie beschreibt auch, dass einige blinde Teilnehmende wiederkehrende Schlaflosigkeit und Schläfrigkeit am Tag hatten. Diese Beschwerden waren besonders stark, wenn die inneren Rhythmen nicht zu den bevorzugten Schlafzeiten passten.
Studie von 2013: 21 blinde Menschen mit Non-24
Die zweite Studie stammt aus dem Jahr 2013. Sie wurde an einem akademischen medizinischen Zentrum durchgeführt. Untersucht wurden 21 blinde Menschen mit Non-24-Störung, also einer zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörung (einer Störung der inneren Uhr). Die Gruppe bestand aus 11 Frauen und 10 Männern im Alter von 9 bis 78 Jahren.
Hier bestimmten die Forschenden alle 2 Wochen den Beginn des Melatoninanstiegs aus Blut- oder Speichelproben. Insgesamt kamen 469 Messungen über 5.536 Studientage zusammen. Die innere Uhr driftete im Mittel um 0,39 ± 0,29 Stunden pro Tag nach hinten.
Das heißt: Bei diesen Teilnehmenden blieb der Rhythmus nicht fest. Er verschob sich im Durchschnitt jeden Tag etwas später.
Gleichzeitig war das Muster nicht bei allen gleich. Die Forschenden fanden Unterschiede zwischen einzelnen Personen und auch im Verlauf bei derselben Person. Es gab auch Phasen mit wenig oder gar keiner Verschiebung. Außerdem zeigte sich bei 18 von 19 Personen mit Aktivitätsmessung am Handgelenk ein klar nachweisbarer Nicht-24-Stunden-Rhythmus von Ruhe und Aktivität.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die meisten dieser Menschen mit Non-24 von nicht identifizierten Umweltreizen beeinflusst wurden.
Was noch unklar ist
Die Daten sagen nicht, dass das für alle blinden Menschen gilt. In der Studie von 1992 liefen die Rhythmen bei etwa der Hälfte der vollständig blinden Personen frei. Die Studie von 2013 untersuchte nur blinde Menschen, die bereits eine Non-24-Störung hatten. Daraus lässt sich nicht ableiten, wie häufig das in der gesamten Gruppe blinder Menschen ist.
Unklar bleibt auch, welche Umweltreize in der Studie von 2013 noch mitwirkten. Die Forschenden sprechen von nicht identifizierten Umweltreizen.
Dazu kommt: Die Diagnose kann schwierig sein. Laut dem deutschen Wikipedia-Artikel zur zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörung kann es vorübergehend Zeiten geben, in denen der Schlaf-Wach-Rhythmus wieder zur Umgebung passt. Wegen dieses wechselnden Auftretens und wegen natürlicher und sozialer Zeitgeber ist die Diagnose dort als aufwändig und langwierig beschrieben. Ein besonderes Problem ist laut dieser Quelle die Abgrenzung von der verzögerten Schlafphase.
Kurios am Rande
Ein auffälliges Detail aus der Studie von 2013: Das Freilaufen war oft nicht einfach nur eine starre tägliche Verschiebung. Bei 14 der 21 Teilnehmenden fanden die Forschenden eine regelmäßige, reproduzierbare Schwankung in der Geschwindigkeit der Verschiebung.
Außerdem traten auch Phasen einer vorübergehenden Anpassung auf. In diesen Phasen verschob sich die innere Uhr wenig oder gar nicht.
Fazit
Die Behauptung ist als Fakt einzuordnen. Die Forschung beschreibt bei einem Teil vollständig blinder Menschen frei laufende Rhythmen der inneren Uhr. Besonders gut belegt ist das für vollständig blinde Personen in der Studie von 1992 und für blinde Menschen mit Non-24 in der Studie von 2013.
Die vorliegenden Studien zeigen aber auch: Nicht alle untersuchten blinden Personen waren gleich betroffen, und die Muster konnten kompliziert sein.
Quellen
- Non-24-Hour Disorder in Blind Individuals Revisited: Variability and the Influence of Environmental Time Cues (2013). Sleep – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3669071/
- Circadian rhythm abnormalities in totally blind people: incidence and clinical significance. (1992). The Journal of clinical endocrinology and metabolism – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/1619000/
- Wikipedia (de), Artikel „Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörung“, Stand 2026-08-05 – https://de.wikipedia.org/wiki/Zirkadiane_Schlaf-Wach-Rhythmusst%C3%B6rung
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